Im Schutz des Staates sind wir aufgewachsen, bis wir ca. 11- 15 Jahre alt waren und das fanden wir normal, denn wir kannten es nicht anders. Muttis gingen in unserer Kindheit grundsätzlich arbeiten und deshalb waren wir alle Kinderkrippen- und Kindergartenkinder. Daher ist das Rollenverständnis einer ostdeutschen Frau ein ziemlich modernes, sogar das der Nachfolge-Generation, sprich uns. Unsere Mütter haben es uns vorgelebt, selbstbewusst und selbstständig als Frau und Mutter zu sein. Es gab eine Augenhöhe mit dem Mann, denn vieles regelt sich auch innerhalb der Partnerschaft über Geld, und Geld verdienten Mütter und Väter gleichermaßen. Auch wenn es ein bisschen pathetisch klingt, so glaube ich dennoch, dass es das Rollenverständnis unserer Zwischengeneration nachhaltig geprägt hat. Viele junge Mütter in meinem Alter wollen definitiv keine Kinder bekommen, wenn sie ihnen nichts bieten können. Sich vom Mann aushalten zu lassen, kennen die meisten von uns nicht, denn die frühen Erziehungsjahre haben uns mehr geprägt als die Erfahrungswerte nach der Wende. Eine ostdeutsche Frau in meinem Alter- selbst wenn sie in den alten Bundesländern wohnt – trägt in sich den Grundsatz, arbeiten gehen zu wollen, damit sie ihre Kinder so erziehen kann, wie wir erzogen wurden. Selbst wenn es die Lebenssituation erzwingt, vom Gehalt des Partners leben zu müssen, zum Beispiel durch ungewollte Arbeitslosigkeit, wird es innendrin nagen am Selbstwert. Wir sind es einfach nicht gewohnt, das Anhängsel eines gut verdienenden Mannes zu sein und streben nach einer gewissen Unabhängigkeit innerhalb der Beziehung. Es klingt sicherlich ein wenig zu pauschal, vor allem für die Ohren von Bewohnern aus den alten Bundesländern. Da aber zu DDR-Zeiten die Mehrzahl der Mütter arbeiten ging, ist auch die Mehrzahl ihrer Kinder genau das gewöhnt und hat es verinnerlicht. Es ist sehr schade, dass sich Sozialwissenschaftler oder Pädagogen mit solchen Zusammenhängen nicht befassen und es keine Studien zu diesem Sachverhalt gibt. Zwar werden immer wieder Vermutungen angestellt, weshalb viele Frauen mit guter Allgemeinbildung einfach keine Kinder in die Welt setzen, über die Ost-West-Fluktuation, das Abwanderungsgefälle und die Altersgrenze der Nachwendekinder – also meiner so sprichwörtlichen Zwischengeneration – wird jedoch einheitlich geschwiegen, obwohl es auf der Hand liegt, dass junge Frauen, die selber arbeitstätige und selbstbewusste Mütter hatten, genau so eine Mutter auch gern wären oder aber sind, vorausgesetzt, sie haben Arbeit und keine Existenzängste. Wer einen befristeten Arbeitsvertrag bekommt, bekommt definitiv keine Kinder. Jedenfalls nicht ohne schlechtes Gewissen, verantwortungslos gegenüber dem Kind zu sein.
Das ist eine Vorschau des Artikels
Mutter DDR
.
Hier kannst du weiterlesen ) Weiterlesen