UPDATE: 27 November, 2010

Der Robin Hood des Erzgebirges – Karl Stülpner

Der Wilddieb Karl Stülpner wird oft als “Robin Hood des Erzgebirges” bezeichnet, denn es gibt eine Vielzahl von Erzählungen, in denen er den Unterdrückten half und bei seinen Streifzügen Gesetzesbrechern wie Räubern und Dieben das Handwerk legte.

 

Überlieferungen zufolge fand er in sächsischen und böhmischen Wäldern viele Anhänger unter der Bevölkerung.

 

Er hat viel von der Welt gesehen, von Ungarn bis Frankreich, von Berlin und Bayern bis in die Schweiz und Tirol, denn so eigenartig sein Leben war, geprägt von Flucht und Wanderschaft, so aufregend war es wahrscheinlich auch. Doch dazu nachher mehr.

Karl Stülpner kam eigentlich unter dem Namen Carl Heinrich Stilpner am 30.September 1762 als Sohn eines Müllergesellen in Scharfenstein bei Chemnitz auf die Welt.

 

Er wuchs unter den Ärmsten der Armen auf; überliefert ist, dass sein Vater 1769 des Diebstahls angeklagt war, weil er Leinöl gestohlen hatte und Leinöl verwendeten damals nur die ganz ganz armen Leute.

 

Man muss wissen, dass zu dieser Zeit im Erzgebirge eine fürchterliche Hungersnot ausgebrochen war und in jener schweren Zeit starb Karls Vater, so dass er sich an dessen Stelle um die Familie kümmern musste.

 

10-jährig, klaute er mit seiner Mutter und seinem Schwager Getreide, damit die Familie nicht elende verhungerte.

1772 hielt er sich beim Förster Müller in Ehrenfriedersdorf auf, der ihm die waidmännischen Grundlagen beibrachte und jagte anschließend in den Wäldern um Marienberg, um den Hunger zu stillen. Das war jedoch strengstens verboten und wurde hart bestraft. In dieser Zeit wurde der Karl jedoch nie beim Wildern erwischt, wenn man den Überlieferungen glaubt.

 

1778 trat er freiwillig in den Kriegsdienst ein, als Landsknecht nahm er am bayrischen Erbfolgekrieg teil und bekam während dieser Zeit die Erlaubnis, in den Pachtwäldern der Truppeneinheit auf die Jagd zu gehen und das Regiment zu versorgen.

 

Doch er hielt sich nicht an die Jagdgrenzen und wilderte auch in anderen Jagdgebieten, was ihm 1784 eine Versetzung nach Zschopau bescherte.

 

Dort wurde er wieder erwischt, wie er ohne Berechtigung Wild schoß – dieses Mal von einem Forstbediensteten namens Ziegler ,den er daraufhin jedoch kräftig verprügelte.

Ziegler zeigte Karl dann wegen Körperverletzung an ( allerdings nicht wegen des Wilderns) und

zur Bestrafung musste Karl zur Regimentschaft nach Chemnitz. Dort flüchtet er während einem Marsches in die böhmischen Berge. Es wird angenommen, dass er Sympathisanten unter den Soldaten hatte, die ihm bei der Flucht halfen.Immerhin war er als Jagdschütze nicht gerade unbeliebt gewesen.

 

So begab sich unser Robin Hood des Erzgebirges auf lange Wanderschaft: Über Böhmen, Ungarn, Österreich, Schweiz, Baden und Hessen gelangte er schlussendlich nach Hannover, wo er Dragoner wurde, dann jedoch wieder einmal flüchtete.

 

Während dieser Flucht verkaufte er seine einzige Habe: ein Pferd und seine Ausrüstung und kehrte in seine Heimat, das Erzgebirge, zurück, wo er Anführer einer Gruppe von Wildschützen wurde und mit ihr durch die großen Reviere des sächsischen und böhmischen Erzgebirges streifte.

 

Man erzählte sich, wie er gegen Diebe und Räuber einschritt, anmaßende Forstbeamte bestrafte und den Unterdrückten und Hilfesuchenden zur Seite stand. Natürlich wurde er abermals beim Wildern erwischt wird und musste wieder einmal fliehen, dieses Mal nach Bayern.

 

Doch bei dieser Flucht wurde er von preußischen Werbern aufgegriffen und ins Regiment „Prinz Heinrich“ aus Spandau gebracht. Auf Seiten Preußens kämpfte er dann im sogenannten Ersten Koalitionskrieg, wurde aber nach einer schweren Verwundung abermals abtrünnig und floh in seine Heimat- das Erzgebirge.

 

In Scharffenstein führte er dann in den folgenden Jahren wieder ein Leben als Wildschütz.

Das Vorgehen gegen die Feinde des Volkes machte ihn zum Volkshelden – zog aber andererseits wieder eine Verfolgungsjagd nach sich. Nur durch den Beistand seiner zahlreichen Anhänger war eine solch langwährende und erfolgreiche Jagd ohne Berechtigung möglich.


In dieser Zeit, nämlich am 12./13. Oktober 1795 fand eine brutale Hausdurchsuchung bei seiner Mutter statt, um Karl festzunehmen. Dabei wurde seine Mutter, nun schon 77 Jahre alt, schwer misshandelt, weshalb Karl alleine die Burg Scharfenstein belagerte und die Soldaten, Forstbeamten und Gerichtsdiener, die zusammengezogen wurden, um ihn zu ergreifen, festhielt.
Am 16. Dezember 1795 wurde Stülpner letztendlich als vogelfrei erklärt und ein Kopfgeld von 50 Talern auf ihn ausgesetzt. Das brachte jedoch nicht viel, denn es verriet ihn niemand.

 

Karl genoss hohes Ansehen bei der einfachen Bevölkerung. Er versorgte die armen Menschen mit Wild oder half den Bauern, dass Wild von deren Feldern zu vertreiben. Denn es zerstörte ihnen Feld und Ernte und es zu bejagen war verboten. Karl Stülpner kümmerte das wenig und die Bauern dankten es ihm- mit Kost und Logie, oder einem Versteck vor den Suchtrupps, die man jedes Mal losschickte, wenn Stülpner gesichtet wurde.


Irgendwann in seinen wilden Jahren lernte er Johanne Christian Wolf, die Tochter des Scharfensteiner Ortsrichters, kennen, sie war 15 Jahre jünger als er und konnte sich lange Zeit nicht zu ihm bekennen.

Als sie sich dann nach 3 unehelichen Kindern (von denen 2 vor bzw. kurz nach der Geburt starben) doch öffentlich zu einer Beziehung mit ihm bekannte, schloß sie die Mutter kurz vor ihrem Tod aus dem Testament aus.

Stülpner sah ein, dass er endlich Geld verdienen und sich um seine Familie kümmern muss. Wahrscheinlich nur deshalb bat er um Straferlass und kehrte, als ihm diese gewährt wurde, im Jahre 1800 zu seinem Regiment nach Chemnitz zurück.

 

1806 nahm Stülpner an der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt als Scharfschütze teil, wurde aber auf dem Heimweg ins Erzgebirge gefangen genommen. Zusammen mit einer Handvoll Kameraden gelang ihm dennoch die Flucht zurück in die Heimat, bevor er 1807 zusammen mit Johanne Christiane nach Böhmen floh. Dort betrieb er dann ein kleines Gasthaus.

 

1813, nach der Völkerschlacht bei Leipzig, gab es in Sachsen Generalpardon, sodass Karl Stülpner nicht mehr als Deserteur angesehen wurde. So konnte er mit seiner Familie nach Scharfenstein zurückkehren, wo er plündernden Soldaten, die das Erzgebirge noch unsicher machten, Einhalt gebot und so wiederum als Volksheld galt.


Um 1819/20 kehrte Stülpner dann mit Johanne Christiane doch nach Böhmen zurück, wo sie noch im selben Jahr starb. Drei Jahre später heiratete er erneut. Er war mittlerweile 61, die neue Frau 31 Jahre alt.

Schon 1828 verließ er sie wieder und kehrte, am grauen Star erkrankt, in seine Heimat zurück. Er zog ganz verarmt, fast blind und halb lahm durchs Erzgebirge und gab seine Streiche und Abenteuer zum Besten. Dafür bekam er hier und da eine Mahlzeit, ein paar Almosen oder ein Nachtlager geschenkt.

 

Einen Beruf hatte er ja nie erlernt und einer geregelten Arbeit ist er auch so gut wie nie nachgegangen. Man kann sogar davon ausgehen, das er Analphabet war, denn es existieren noch Urkunden, in denen er mit drei Kreuzen unterschrieben hat.


1831 nahm sich jemand seiner an und erstattete ihm das Geld für eine Augenoperation, die in Mittweida durchgeführt wurde.Doch die Sehkraft konnte nur auf einem Auge wiederhergestellt werden.


Irgendwann traf der Karl dann auf Carl Heinrich Wilhelm Schönberg, dem er aus seinem Leben erzählte und der eine Biografie über Stülpner verfasste.

Es ist zwar nicht die erste, aber die einzige an der Karl Stülpner selbst mitarbeitet hatte und an deren Einnahmen er beteiligt war.

Diese erschien im Jahre 1835 und Karl fuhr mit seinen 72 Jahren, mit einem Sack voll Bücher nach Leipzig. um sie dort, hausierend, zu verkaufen.

 

Er hätte sich somit noch einen schönen Zuverdienst sichern können. Allerdings kam es anders: Seine Bücher wurden als aufrührerisch und staatsgefährdend eingestuft, konfisziert und verboten. Karl wurde verhaftet und nach Scharfenstein abgeschoben, wo er seine Zeit wieder damit verbrachte, von Ortschaft zu Ortschaft zu ziehen, seine Geschichten zu erzählen und vom Mitleid der Leute zu leben.

Im Jahre 1839 wurde der Robin Hood des Erzgebirges völlig entkräftet auf einer Landstraße aufgefunden und zurück ins heimatliche Scharfenstein gebracht. Dort beschäftigte sich der gerade neu eingesetzte Gemeinderat in seiner ersten Sitzung am 7. Oktober 1839 einzig und allein mit der Versorgung und Unterbringung Karl Stülpners. Man beschloss, ihn im Haus einer Witwe unterzubringen, die dafür wöchentlich 8 Groschen bekam.

Karl erhielt wöchentlich 6 Groschen aus der Armenkasse. Doch schon am 20. Oktober tagte der Rat erneut. Die Witwe weigerte sich, den Karl Stülpner weiter bei sich zu behalten und so wurde beschlossen, dass er alle acht Tage von Haus zu Haus geschickt wird und ihn die Leute für acht Tage bei sich aufnehmen müssen. Nach einem halben Jahr rappelte sich Karl aber noch mal auf

Er zog wiederum fast ein Jahr lang im Erzgebirge umher und gab seine Abenteuer zum Besten, bevor er abermals krank nach Scharfenstein gebracht wird.

Hier starb er dann am 24. September 1841, eine Woche vor seinem 79. Geburtstag, an Entkräftung.

Karl Stülpners Grab in Großolbersdorf ist bis heute zu besichtigen und es liegen stets frische Blumen vor Ort – so wie es sich für einen Volkshelden aus dem Erzgebirge gehört.

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