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Sechs der Todesopfer kommen aus Ostdeutschland – Terroranschlag in Istanbul

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Eine rote Nelke an einem Geländer vor dem Obelisken des Theodosius, jener Sehenswürdigkeit in Istanbul, die die deutsche Touristengruppe am Dienstagmorgen gerade bewunderte, als der Attentäter seinen Sprengsatz zündete – eine der vielen Beileidsbekundungen für die Opfer und ihre Hinterbliebenen. Die türkischen Zeitungen erscheinen mit den Worten „Im Herzen bei Euch“ auf der Titelseite.

Am Tag nach dem Selbstmordattentat auf dem Sultanahmet-Platz stieg die Zahl der deutschen Opfer auf zehn: Zwei weitere Touristen erlagen ihren schweren Verletzungen. Sechs der Toten stammen aus Ostdeutschland, darunter auch Brandenburg. Der Attentäter hatte sich auf dem Platz unter die 33-köpfige deutsche Reisegruppe gemischt und dann seinen Sprengsatz gezündet.

Brandenburgs Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) sprach den Angehörigen seine Anteilnahme aus. „Wir stehen in dieser Stunde zusammen, um Trost denen zu spenden, die jetzt um ihre Lieben trauern“, erklärte Schröter: „Ich wünsche den Angehörigen aufrichtig viel Kraft, das Untragbare zu tragen.“ Brandenburg und Berlin ordneten Trauerbeflaggung an, im Berliner Dom und in der Berliner Marienkirche wurden Kondolenzbücher ausgelegt.

Innenminister Thomas de Maizière, der gestern nach Istanbul kam, sieht dennoch „keine Anzeichen, dass der Anschlag gezielt gegen Deutsche gerichtet war“. Nach einem Treffen mit seinem türkischen Kollegen Efkan Ala sagte de Maizière, beide Länder wollten eng zusammenarbeiten: „Wir wissen, wir sind beide bedroht vom Terrorismus. Deshalb muss auch die Antwort eine gemeinsame sein.“ Deutschland und die Türkei „rücken noch enger zusammen“, so der Minister. Gemeinsam mit dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu besuchte de Maizière Verletzte. Noch sieben Deutsche befanden sich gestern in Krankenhäusern, fünf von ihnen auf der Intensivstation.

Als Täter haben die türkischen Behörden den 28 Jahre alten Nabil Fadli identifiziert. Er stammt aus Saudi-Arabien, besaß die syrische Staatsangehörigkeit und hatte sich der Terrormiliz IS angeschlossen. Er stand in der Türkei auf keiner Fahndungsliste, war erst kürzlich aus Syrien gekommen und hatte am 5. Januar bei der Ausländerbehörde in Istanbul Asyl beantragt. Jetzt suchen die Fahnder nach möglichen Komplizen und weiteren potenziellen Attentätern. Die Behörden meldeten am Mittwoch 13 Festnahmen. In der Touristenmetropole Antalya wurden drei Russen verhaftet, mutmaßliche Mitglieder des IS.

In den türkischen Medien gab es am Tag nach dem Anschlag nur spärliche Informationen über die bisherigen Ermittlungsergebnisse der Sicherheitsbehörden. Der Grund: Ein Istanbuler Gericht hat eine Nachrichtensperre über den Fall verhängt. So viel aber sickerte durch: Offenbar hatte der türkische Geheimdienst MIT Hinweise auf geplante Attentate und gab entsprechende Warnungen an die Polizeibehörden heraus, berichtete gestern die Zeitung „Hürriyet“.

Der MIT warnte demnach am 17. Dezember und erneut am 4. Januar vor geplanten Anschlägen „gegen Nato-Einrichtungen, ausländische Botschaftsgebäude und Konsulate sowie auf Orte, an denen sich viele Ausländer und Touristen aufhalten.

Wer sind die deutschen Opfer des Terroranschlags in Istanbul?

Rheinland-Pfalz: Ein Ehepaar aus Mainz– der Mann 61, die Frau 59 –kommen ums Leben. Auch ein 73-Jähriger aus Bad Kreuznach stirbt, seine Ehefrau liegt mit schweren Verletzungen in einer Istanbuler Klinik.

Sachsen: Eine 70-jährige Frau aus Leipzig sowie zwei 51 und 75 Jahre alte Männer aus Dresden sind unter den Todesopfern.

Brandenburg: Ein Ehepaar aus Falkensee, 71 und 73 Jahre alt, stirbt beim Anschlag.

Berlin: Ein Berliner wurde getötet, eine Frau schwer, ein Mann leicht verletzt.

Hessen: Ein 67 Jahre alter Mann aus Stadtallendorf kommt ums Leben, seine 50-jährige Frau wird bei der Attacke verletzt.

Quelle: SVZ.de // Autor: Gerd Höhler

Bulgare findet in Zwickau neue Heimat

Juana Kreßner/ pixelio.de

Am 3. Oktober jährt sich die Wiedervereinigung zum 25. Mal. Aus diesem Anlass haben junge Leute aus Zwickau 25 Zeitzeugen befragt. Einer von ihnen ist Stefan Kolev – der Bulgare lehrt als Professor an der WHZ. Eine 21-Jährige hat ihn porträtiert.

Von Sara Voigt*
erschienen am 30.09.2015

Zwickau. Stefan Kolev, geboren in Bulgarien, kann sich noch genau daran erinnern, dass er am 9. November 1989 bei seinen Großeltern war. Sein Opa sagte mit Blick auf den Fernseher: „Ach, in Berlin tut sich etwas.“ Am Tag darauf stürzt auch das sozialistische Regime in Bulgarien in sich zusammen. Noch heute sieht sich Stefan Kolev als Kind bei einer der größten Kundgebungen in Sofia im Juni 1990 auf den Schultern seines Vaters sitzen – inmitten von einer Million Menschen.

Dass eine neue Zeit angebrochen ist, merkt er vor allem im Klassenzimmer. Stefan Kolev geht damals auf die Deutsche Schule in Sofia und hat Kontakt zu ost- wie westdeutschen Lehrern. Doch schnell wird deutlich, dass die alten Eliten die neuen Zeiten für sich zu nutzen wissen. „Aus den sozialistischen Funktionären der Partei und ihrer Satellitenorganisationen wurden einfach kapitalistische Unternehmer“, sagt er. In diesem System will er nicht leben. Kaum hat er mit 18 Jahren sein deutsches Abitur in der Tasche, geht er nach Hamburg.

Dort kann der gebürtige Bulgare studieren, als Volkswirt promovieren, erhält Stipendien und verdient mitunter in der Stunde mehr als seine Eltern pro Woche in Bulgarien – als Ärzte. „Die Bundesrepublik oder Westdeutschland, wie es damals hieß, war von Bulgarien aus geradezu ein Synonym für das Paradies“, erinnert er sich. Und auch für ihn sind die zehn Jahre in Hamburg eine tolle Zeit. Er wird sehr gut aufgenommen, fühlt sich nur in ganz wenigen Situationen als Ausländer. Als es ihn beruflich in den Osten verschlägt, zunächst nach Erfurt und vor drei Jahren nach Zwickau, bedauern ihn Freunde und Familie für den „Rückschritt“, den er selbst jedoch nicht als solchen empfindet.

Die Distanz ist seinem Empfinden nach aber größer, wenn die Menschen am Akzent merken, dass er kein Sachse ist. Diese Unterschiede in der Mentalität, diesen Umgang mit dem „Anders sein“ führt der Professor der Westsächsischen Hochschule Zwickau auf die unterschiedliche Sozialisation zurück.

In einem Forschungsprojekt beschäftigt er sich mit der DDR-Planwirtschaft. Während der Westen schon lange mit permanenten Veränderungen im Wirtschaftsalltag lebt, neigen ehemalige DDR-Bürger eher dazu, Neues als Bedrohung wahrzunehmen. Dabei kann der Osten stolz auf sich sein: Die deutsche Wiedervereinigung ist nach Meinung von Stefan Kolev eine große Erfolgsgeschichte, auch wenn immer wieder Fehler gemacht wurden. Den neuen Bundesländern ist erspart geblieben, was Ländern wie Bulgarien passiert ist: Dass die alten Eliten unter neuen Vorzeichen einfach weiter machen wie bisher.

Ostdeutschland betrachtet Stefan Kolev als „Paradebeispiel für eine Schocktherapie“: Innerhalb von wenigen Monaten wurde das Land komplett umgekrempelt. Das ist nicht ohne Probleme abgelaufen, aber im Gegensatz dazu hat sich in seiner Heimat vieles überhaupt nicht verändert. 25 Jahre nach dem Zusammenbruch des Ostblocks sitzen oft dieselben Menschen und Netzwerke in Machtpositionen. „Bei aller Kritik, die man an die Nachwendezeit in den neuen Bundesländern äußern muss, ist das ein Schicksal, dass der jungen Generation hier erspart geblieben ist.“

In Bulgarien sieht nach außen hin alles bunt, modern und westlich aus. Doch hinter der Fassade haben die alten Seilschaften die Wende gut überlebt, ist die Gesellschaft nach dem Aufbruch der 1990er-Jahre wieder eine oft geschlossene Gesellschaft, deren alte Muster Bestand haben und reproduziert werden. Wer nicht die richtigen Leute kennt, hat aus eigener Anstrengung deutlich schlechtere Karten. An eine wirkliche bulgarische Wende glaubt Stefan Kolev daher kaum, auch eine Rückkehr schließt er aus diesem Grund nahezu aus. Deshalb wandern seiner Meinung nach auch heute noch so viele Bulgaren aus – nicht nur weil ihr Land arm ist, sondern weil es ihnen nicht genügend Aufstiegschancen bietet.

Der Professor kann zwar aus psychologischen Gründen verstehen, dass sich insbesondere ältere Menschen die DDR und damit ein Stück weit ihre Jugend zurückwünschen. Doch er stellt die Behauptung auf, dass „wir in der Geschichte nie in einer freieren und besseren Welt gelebt haben.“ Das sollten wir zu schätzen wissen. Denn der verklärende Rückblick sei kein fairer Blick zurück. Es stimme nicht, dass alle gleich waren und alle Arbeit hatten und alles so „kuschelig“ war. Die DDR war in den Augen von Stefan Kolev vor allem eines: ein Gefängnis.

*Die Autorin Sara Voigt (21) gehört zu einem Team von jungen Zwickauern zwischen 14 und 27 Jahren, die sich in einem medienpädagogischen Projekt mit der Deutschen Einheit befasst haben.

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